Sitzt nicht so faul hier vor dem Computer rum!

Los gehts! Schwingt die Krücken!!

WE WILL WE WILL ROCK YOU

Dazu wird gefaucht

BCHH! BCHH! BCHH!!

und noch mal WE WILL WE WILL ROCK YOU
BCHH! BCHH! BCHH!!

Ganz Schweden ist im Oldie-Fieber und alles klatscht und swingt und fingerschnippt und hiphopt zum Radio. Und wer nicht mit macht ist kein Schwede.

WE WILL WE WILL ROCK YOU
BCHH! BCHH! BCHH!!

22. März 2000

Företag

Gestern hab ich nichts geschrieben, weil ich den Geburtstag von meinem Chef gefeiert habe. Dabei gab es leider einige Hindernisse. Wie ich bereits erwähnt habe, hatte jedes Mitglied unserer Abteilung freiwillig die Aufgabe übernommen, zum Gelingen des Festes etwas Essbares beizutragen, und auch ich war guten Willens und bin vorgestern den ganzen Vormittag (oder zumindest den halben) in der Stadt herumgelaufen, um die geeigneten Zutaten zu beschaffen. Ich habe dann den Plastiksack mit in die Arbeit genommen, in einem gekühlten Raum abgestellt, und es mir so gedacht, dass ich nach der Arbeit den Sack mit nach Haus nehmen, und dort kochen würde.

Von wegen! Als ich den Plastiksack holen wollte, war er nicht mehr da.

Erst suchte ich überall, und dann setzte ich mich dampfend an meinen Computer, und schrieb ein E-Mail an die Mailingliste unseres Hauses, mir doch bitte schleunigst den Sack zurückzugeben. Und zwar schrieb ich so höflich, wie das in meiner derzeitigen Gemütsverfassung überhaupt möglich war.

Leider hat der Sack das E-Mail nicht gelesen, und so musste ich lebensmittellos nach Hause fahren, was (das bleibt unter uns) auch sein Gutes hatte, denn so hatte ich eine Entschuldigung, und musste nicht stundenlang in der Küche stehen.

Als ich dann am nächsten Tag wieder kam (ohne Essen natürlich) fand sich dann auch der Sack mit den Lebensmitteln wieder, dazu irgend so eine komplizierte Geschichte, von einem Ehemann, der irgendwas mal wieder nicht richtig verstanden hat, und einer Ehefrau, die erst spät nach Hause gekommen ist. Aber wir wollen Ehemann und Ehefrau mit ihren Problemen alleine lassen, und uns unseren eigenen zuwenden.

Ausserdem fand ich nämlich noch zwei wütende Mails vor, was mir denn einfiele, ein solches Problem über die Mailing list lösen zu wollen. "Junk Mail" haben sie geschrieben und "stupid mail". Ich hab mich natürlich sofort an den Computer gesetzt (nein, ich saß ja schon) und rausgegeben. Das ging so hin und her bis heute mittag. Jedenfalls war ich etwas erstaunt, über den Wirbel, den ich mit einem vierzeiligen e-Mail verursacht hatte.

Jetzt aber zu einer anderen Geschichte: Drei Tage vorher fand ich, durch den Briefschlitz eingeworfen, zwei Briefe. Es handelte sich Reklame von zwei Computerfirmen, beide addressiert an mich, beide mit dem gleichen (vernachlässigbaren) Rechtschreibfehler, und beide mit meinem zweiten Vornamen, den ich nie, NIE verwende, nur dann, wenn ich muss, das heisst bei offiziellen Dokumenten. Woher haben diese Firmen dann meinen zweiten Vornamen?

Das ist weiter kein Problem. In Schweden hat jeder Einwohner eine Personennummer unter der alle wichtigen Daten wie Wohnort, Einkommen etc. abgespeichert sind. Jeder kann nach den unter der Personennummer eines anderen abgespeicherten Daten fragen, also z.B. auch nach dessen Einkommen (hat man mir erzählt - habs selbst nicht ausprobiert, ehrlich). Deshalb wundert es mich ein bischen, dass diese Firmen, die doch mein Einkommen kennen, es der Mühe wert finden, mir ihre Prospekte zukommen zu lassen.

Darüber regt sich kein Mensch auf. Wenn einem der Türeingang mit Reklame bergeweise zugemüllt wird, dann ist das kein Thema.

Aber mein vier Zeilen langes e-Mail ist eins. Warum?

Hier müssen wir uns wieder eines wichtigen Unterschieds bewusst werden. ICH bin eine Person, habe eine Personennummer, aber sonst bin ich ein Nichts. Habe daher also nicht aufzumucken, sondern das Maul zu halten. Die Firma hingegen, die mir ihr Informationsmaterial zukommen lässt, ist ein Företag, ein Unternehmen. Das sind viele. Das ist Macht. Da wird gekuscht. Der Papst wird vielleicht, nachdem er jetzt die jüdischen und moslemischen Länder besucht, eines Tages sich in die Höhle des Löwen, ins protestantische Schweden wagen, und dann wird ihn endgültig der Schlag treffen, weil die Schweden die Traktate von Obs-Heimwerkermarkt mit sehr viel größerer Andacht lesen, als jede Bibel oder jedes Gesangsbuch.

Die Telefongesellschaften, die in unübersehbarem Dickicht wuchern, haben beispielsweise eigene Företags-tarife - natürlich billiger als die Tarife für normale arme Menschenschweine. Und selbst so biedere Institutionen wie Post und Bank, die doch jeden Kunden gleich, beziehungsweise ausschließlich nach seinem Bankkonto beurteilen sollten, haben einen eigenen Företags-Schalter. Während der Mensch, seinen Nummerlapp in den Fingern knetend, sich vor dem Schalter die Füße in den Bauch steht, klingelt der Angestellte des Företag am Företagsschalter, wie ein Hotelgast nach dem Portier, und schon eilt der Post- oder Bankbeamte eigens aus dem Hinterzimmer herbei, um dem Företag seinen Dienst zu erweisen.

In keinem anderen Land wäre das möglich. Företag wie Schalterbeamter würden sofort gelyncht oder zumindest drei Tage lang von allen anderen Kunden boykottiert.

In Schweden aber ist es nicht nur so wie es ist, sondern, und das ist es, was so schwer für mich zu verstehen ist, die Leute lassen sich das anstandslos gefallen, akzeptieren die ihnen zugewiesene Rolle widerspruchslos - und, und das ist es, was für mich das Seltsamste ist, sind auf das Höchste erbost, wenn so ein Reingeschmeckter dieses System etwa in Frage stellen möchte.

Ich habe jedenfalls das Infragestellen aufgegeben. Statt Infragestellungen gibt es jetzt lästerliche Bestrafs-Tagebuch-Einträge. Hehehe! Das kommt von das.